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(Aus:
Die Welt 26.5.03))
Mit Alexander
Kluge auf der Gemeindewiese
Seit 15 Jahren verwirrt er das TV-Publikum
Von André Mielke
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Alexander Kluge
Foto: dpa |
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Alexander Kluge ist ein Segler. Ein kleiner Segler, eingekeilt
von den mächtigen Schlachtschiffen der großen
Medienkonzerne. Die Konstellation erinnere ihn an die
Schlacht im Skagerrak, sagt er. An Nebel und Feuerstreifen
am Horizont.
Wenn Kluge erst einmal ein Bild hat, dann hat es ihn.
Wer eine seiner Sendungen gesehen hat, der weiß
das. Der Mann ist nicht nur Filmemacher, sondern vor allem
Literat. Autor, so nennt er sich. Als solcher wird Kluge
den Büchner-Preis 2003 bekommen. Als Medienmanager
konnte er gestern außerdem feiern, dass ausgerechnet
er, ein wichtiger Intellektueller, seit nunmehr fünfzehn
Jahren ausgerechnet das Stammpublikum des deutschen Privatfernsehens
verwirren darf.
Bei der Jubiläums-Pressekonferenz in den Berliner
XXP-Büros sitzt Stefan Aust neben ihm. Der "Spiegel"-Chefredakteur
hat den 71-jährigen mal "eines der wirklich
seltenen Universalgenies" genannt. Die beiden haben
gemeinsam Filme gemacht; Geschäftspartner sind sie,
seit Kluge 1988 seine Firma Dctp gründete und damit
Austs ehrgeizigen Plänen mit "Spiegel-TV"
eine stabile Plattform verschaffte.
Dctp (Development Company for Television Program) nutzt
eine Klausel im Rundfunkstaatsvertrag, wonach Privatsender
mit mehr als 10 Prozent Marktanteil Sendezeit an unabhängige
Zulieferer abgeben müssen. Das betrifft RTL und Sat.1.
"Die Öffentlichkeit muss wenigstens zu einem
kleinen Teil Allgemeingut bleiben, so wie früher
die Gemeindewiese", sagt Kluge. Einen Teil dieser
Wiese nutzt er für seine Magazine "News &
Stories", "10 vor 11" und "Primetime".
Die meisten Sendeplätze aber hat er an Projekte großer
Verlagshäuser abgetreten, darunter "Stern-TV".
Die Privaten würden dieses sehr kommerzielle Format
längst freiwillig ausstrahlen, und zwar mit Kusshand.
Letzteres dürfte bei Kluges Kulturmagazinen kaum
der Fall sein. Es handelt sich um Gespräche mit Forschern,
Künstlern, Denkern, deren Abstraktionsniveau die
Grenzen konventionellen Fernsehens regelmäßig
sprengt. Dabei gilt die Faustregel: Wer Joyces "Ulysses"
in einem Zug gelesen hat, der kommt auch mit Kluge klar.
Wie es aussieht, wenn Kluges Fernsehen auf normales Fernsehen
trifft, das lässt sich an der aktuellen Eggenfelden-Berichterstattung
erklären: Samstagnacht lief "Promi-Boxen".
Da war RTL ganz bei sich selbst. Alles war gut. "Superstar"-Moderator
Carsten Spengemann wurde von einem schwergewichtigen Tanzbären
vermöbelt; eine medienpädagogische Maßnahme,
die man sich schon viel früher gewünscht hätte.
Aber weil eben schon alles zu spät war, hüpfte
zwischendurch auch noch dieser "schräge"
junge Mann aus Eggenfelden kurz durch den Ring und machte
Krach.
Sonntagnacht hatte ein weiterer großer Sohn der
niederbayrischen Kuhbläke einen viel längeren
Auftritt. Der Literaturwissenschaftler und Historiker
Joseph Vogl philosophierte mit Alexander Kluge genüsslich
über die "seltsame Mischung zwischen Fluchtreflex
und Scheitern" in Joseph Conrads Erzählung "Das
Herz der Finsternis". 20 Minuten ging das. Hintereinander.
Über "die Gravitation, die zur Heimat hinzieht"
und so. Auf RTL, das eigentlich dem Kaliber Küblböck
gehört. Oder umgekehrt.
Kluges Fernsehen kann ein Tor zu neuen Welten sein. Man
muss sich darauf einlassen, und man braucht natürlich
einen Schlüssel. Vor einigen Jahren beschwerte sich
RTL-Chefredakteur Hans Mahr, Kluge würde die RTL-Marktanteile
"innerhalb von drei Minuten" von 20 auf 5 Prozent
eindampfen. Das sei "Publikumsvertreibung und Publikumsbeschimpfung".
Inzwischen maulen die Sender nicht mehr ganz so laut.
Stefan Aust erzählt vom Zuspruch, den der von Spiegel-TV
und Dctp vor zwei Jahren gegründete Dokumentationskanal
XXP erfahre und dass eben nicht alle Leute mit Info-Häppchen
abgespeist werden wollten. Mit einem Special zur Lage
der deutschen Werften habe man eine Million Zuschauer
erreicht.
Auch Kluge interessiert sich für die Quote. "Ich
weiß doch auch, dass Hochkultur nicht massenhaft
verbreitet wird." Aber inzwischen blieben viele bei
seinen Magazinen hängen, "weil sie so was noch
nicht kennen." Alexander Kluge ist eine Zapperfalle.
Sagt er.
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