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(Aus:
MEDIENwissenschaft, Heft 02 / 2002)
Christian
Schulte
Metropolen-Fernsehen. Porträt des Senders XXP
Der
Name des neuen Berliner Senders ist so ungewöhnlich wie
sein Programm. "XXP - Das Informationsprogramm"
ist ein Gemeinschaftsunternehmen der beiden Partner DCTP
und Spiegel TV, das seit dem 7. Mai 2001 die Fernsehlandschaft
um ein neues Senderprofil erweitert hat. XX steht dabei
für metropolitane Größe, das P schlicht für Programm.
XXP versteht sich daher auch nicht als Lokal- oder Ballungsraum-TV,
sondern als ein Projekt mit bundesweiter, ja sogar internationaler
Ausrichtung. Metropolen sind im Selbstverständnis des
Senders alle Zentren urbaner Kultur - Moskau, Tokyo und
Paris ebenso wie deutsche Landeshauptstädte oder das Ruhrgebiet.
Zu empfangen ist XXP inzwischen über Kabel auch außerhalb
Berlins: in Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und
Niedersachsen. Weitere Lizenzen für Hessen und Nordrhein-Westfalen
sind beantragt. XXP ist ein Vollprogramm und kann in den
ausgebauten Digitalnetzen rund um die Uhr empfangen werden;
in den analogen Netzen kommt es zu Partagierungen mit
anderen Anbietern, in Teilen Berlins z.B. mit dem Verkaufssender
QVC, in Hamburg mit ONYX und N24. Der Verkauf von Werbezeiten
läuft erst langsam an, so dass der Programmfluß in der
Regel nur von einzelnen Spots unterbrochen wird. Es sollen
auch nicht beliebige Produkte beworben werden. Werbekunden
sind Kaufhäuser, Banken, aber auch ein Verlag/Versand
wie Zweitausendeins. Noch kompromissloser setzt das Motto
des Senders "No soaps, no trash, no gameshows"
auf Exklusivität und erhebt damit den Verzicht auf etablierte
"Quotenbringer" zum Qualitätssiegel. Der Hauptakzent
liegt auf Dokumentation, Reportage und Interview, Sendungen,
für die neben Spiegel TV und DCTP auch die unabhängigen
Partner der DCTP (BBC, NZZ, SZ) verantwortlich zeichnen.
Spielfilme, denen ein eigenes
(Unterhaltungs-)Fenster geöffnet wird, werden von der
Kinowelt zugeliefert. Eines der Glanzlichter des Programms
ist das live moderierte Nachrichtenmagazin Punkt X, in
dem täglich um 19.30 Uhr ein mehr oder weniger prominenter
Studiogast zu einem aktuellen Thema befragt wird. Mit
45 Minuten ist dieses Format nicht nur deutlich länger
als vergleichbare Sendungen der ARD (Tagesthemen) oder
des ZDF (heute-journal), auch die Proportionen sind andere:
Im Vordergrund steht das Interview, das lediglich von
kurzen Nachrichten-Sequenzen unterbrochen wird. Den beiden
Moderatorinnen Ina Böttcher und Annika de Buhr, die im
Wochenrhythmus durch die Sendung führen, wird damit ein
hohes Maß an Flexibilität und journalistischer Kompetenz
abverlangt. Gelegentlich entstehen dabei durchaus kritische
Personenporträts, Beiträge zu einem Genre also, das man
in einem Nachrichtenmagazin am wenigsten erwarten würde.
Derart ambitionierte Programmsegmente widersprechen den
geltenden Normen des (privaten) Fernsehmarktes so ziemlich
in jeder Hinsicht, doch genau dies scheint die Herausforderung
für Alexander Kluge (DCTP) und Stefan Aust (Spiegel TV)
ausgemacht zu haben, denn beide verfügen über jahrelange
Erfahrung als Produzenten unabhängiger Fernsehprogramme
- und kooperiert haben sie schon, bevor der Gedanke ans
Fernsehen überhaupt im Raum stand, bei den Kollektivfilmen
Der Kandidat (1980) und Krieg und Frieden (1982), politischen
Projekten des Autorenfilms, an die im Fernsehen heute
eben nur gelegentlich XXP erinnert (einmal abgesehen von
der hervorragenden 3SAT-Reihe European 60s). Vor allem
aber haben beide, DCTP und Spiegel, längst bewiesen, daß
es möglich ist, alternative Medienprodukte erfolgreich
auf einem umkämpften Markt zu positionieren.
Vertikale
Programmierung
"Produkte lassen sich wirksam nur durch Gegenprodukte
widerlegen" , diese These, die Kluge gemeinsam mit
Oskar Negt in den frühen siebziger Jahren formulierte,
liegt nicht allein seinen - die Grenzen des Genres konsequent
ignorierenden - Kulturmagazinen zugrunde, sie läßt sich
auch aus dem Programmkonzept des neuen Senders herauslesen.
Das Stichwort heißt "vertikale Programmierung"
und bezeichnet die Zuordnung eines jeden Wochentages zu
einem bestimmten Themenkreis. So ist der Montag der "Gegenwart"
verpflichtet: zu sehen sind meist Reportagen mit aktuellem
Bezug (z.B. über New Yorks Feuerwehrleute und den 11.
September), über ökologische Fragen (z.B. wie in deutschen
Großstädten mit dem Sperrmüll umgegangen wird) oder über
Themen von speziellem gesellschaftlichen Interesse (etwa
über Bedeutung und Funktion des diplomatischen Corps in
Berlin). Seit Februar ist das aktuelle Titelthema des
Hamburger Nachrichtenmagazins Anlaß für die Talk-Sendung
SPIEGEL Thema und das anschließende Magazin XXP aktuell;
beide Sendungen laufen exklusiv bei XXP. Dienstags steht
die "Vergangenheit" auf dem Programm: hier erinnern
Dokumentationen (BBC, Spiegel) an die Ursprünge der Erde,
an vergessene Kulturen ebenso wie an die jüngste Zeitgeschichte.
Der Mittwoch steht im Zeichen von "Zukunft und Wissenschaft"
und bildet das Forum für fundierte Dokumentationen der
BBC (z.B. zum Phänomen der Angst, der Chemie des Körpers
oder Geheimnissen der Medizin). Aber auch der seit Mai
2002 ausgestrahlte "Wirtschafts-Biographie-Talk"
Meine Geschichte, in dem Gründer mittelständischer Unternehmen
vorgestellt werden, hat hier seinen Platz. Der Schwerpunkt
am Donnerstag lautet "Phantasie und Kino" und
bietet mal Anspruchsvolles (z.B. Truffaut), mal aber auch
gefälligere Streifen (Filme wie Gate - die Unterirdischen
oder Mann, bist du klasse!). Der Freitag - Motto: "Berlin
& die Welt" - ist stärker geprägt von den Programmen
der DCTP: Anstelle
des sonst vor Punkt X ausgestrahlten Spiegel TV Interview
ist Das dctp-Interview-Porträt zu sehen, in dem entweder
Alexander Kluge oder Günter Gaus einen Interviewgast vorstellen.
Um 23.00 Uhr laufen dann für ca. zwei Stunden Kluges Kulturmagazine
- je nach Format zwischen drei bis sieben Sendungen -
unter diversen Sammel-Überschriften (z.B. "Tekkno,
House, Chill out", "Deutschland und die Deutschen"
oder "Boston/New York") von denen die Rubrik
Facts & Fakes regelmäßig wiederkehrt. Dazwischen werden
in aller Regel metropolitane Themen plaziert, in Form
einer Reportage-Sequenz über Luxushotels in Berlin, Hamburg,
Moskau und Dubai oder mehrerer aufeinanderfolgender Dokumentationen
z.B. über "Metropolen von unten". Am Wochenende
schließlich öffnet sich das Programm von XXP den verschiedensten
Bereichen aus "Kultur und Gesellschaft". Samstags
gibt es Beiträge von NZZ Format über Ernährungsfragen
(wie "Richtig essen, länger leben"), über Alberto
Giacometti ebenso wie Städteporträts, während Süddeutsche
TV unter gelegentlich reißerischen Überschriften "Aus
dem Leben von Traumfrauen und Traummännern" berichtet
oder gleich ganze Reihen den "Giganten" und
"Helden" unserer Tage widmet. Der Sonntagabend
gehört dann wieder den Kulturprogrammen Alexander Kluges,
der hier im größten XXP-Format das Prinzip der vertikalen
Programmierung gewissermaßen monographisch umsetzt. Bis
zu fünf Stunden lang sind die Opern-Zyklen, zu denen Kluge
seine Sendungen um die verschiedensten Themenkreise aus
der Geschichte des Musiktheaters gruppiert. Unter Titeln
wie "Oper in Berlin", "Nacht der Moderne",
"Richard-Wagner-Abend" oder "Herzblut trifft
Kunstblut" führt Kluge hier mit den Mitteln des Fernsehens
ein Projekt fort, das in seinen Kinofilmen (Die Macht
der Gefühle) und in seinen literarischen Arbeiten (Chronik
der Gefühle) zahlreiche Wurzeln besitzt: den imaginären
Opernführer. Ausgehend von der Wahrnehmung, daß die meisten
Opern tragisch enden, fahndet Kluge in seinem ästhetischen
Laboratorium in immer wieder anderen Versuchsreihen nach
den Bedingungen glücklicher Ausgänge.
Das
Prinzip Facts & Fakes
Facts & Fakes, das sind absurd-komische Gespräche,
in denen die Stummfilmgroteske in der Form des improvisierten
Dialogs, des fake-talks wiederkehrt. Kluges Gesprächspartner
sind vor allem der in die verschiedensten
Rollen schlüpfende Peter Berling und Christoph Schlingensief
(als Christoph Schlingensief). In Facts & Fakes wird
der Gewohnheitsblick auf die Realität kurzfristig suspendiert,
werden - ohne diese zu verklären - die harten geschichtlichen
Fakten in die Wunschform der Phantasie übersetzt und so
lange durchgespielt bis das Reale seine Schicksalsförmigkeit,
sein So-und-nicht-anders verliert und für Momente als
undefinierter Raum erscheint, der die Vorstellungskraft
der Zuschauer auf besondere Weise herausfordert. Facts
& Fakes ist fester Bestandteil des künstlerischen
Werks von Alexander Kluge, dessen zentraler Impuls es
ist, die Selbstwahrnehmung der Rezipienten zu aktivieren.
Einer ihrer Katalysatoren ist bei Kluge das Lachen ("die
Befreiung des Ausdrucks vom Zwang des Sinns"), das
unwillkürlich an jener Schnittstelle entsteht, an der
die Wirklichkeit ihre komische Seite zeigt, etwa wenn
Peter Berling als Görings Löwenbändiger, als der erste
Springer der Opernwelt ("Der vierte der Tenöre")
oder als Vertrauter des ehemaligen amerikanischen Präsidenten
während der Lewinsky-Affäre auftritt.
Themenwochen:
ein Experiment, das wiederholt werden sollte
Diese Vielschichtigkeit des Programms, in dem genuin journalistische
und künstlerische Anliegen weniger eine neuartige Symbiose
eingehen als vielmehr in ihren je eigenen Strukturen klar
erkennbar nebeneinander existieren, verlangt vom Zuschauer
zweifellos die Fähigkeit zu differenzierter Rezeption.
Dementsprechend zielt XXP auch nicht auf gewohnheitsmäßige
Fastfood-Konsumenten, sondern auf jene Zuschauer, die
an größeren Zusammenhängen, an Hintergründen, am Ereignis
und seiner Vorgeschichte wie an der phantasievollen Spekulation
interessiert sind und die Bereitschaft mitbringen, sich
auch auf längere thematische Programmbögen einzulassen.
Der Auftakt im vergangenen Jahr war in dieser Hinsicht
durchaus spektakulär und fernsehgeschichtlich wohl einmalig.
"Kriegsende", "Wege des Protests",
"Metropole Berlin" und "Metropolen International"
hießen die Schwerpunkte, die jeweils eine Woche lang in
den verschiedenen Formaten verfolgt werden konnten. In
der ersten Woche waren dies zum Beispiel Dokumentationen
des Spiegel-Autors Michael Kloft, dessen weltweite Recherchen
in den Archiven der Alliierten zahlreiche Farbfilmmaterialien
zutage förderten, die das Kriegsende in einem neuen Licht
zeigen und der titelgebenden Frage Welche Farbe hat der
Krieg? einen gänzlich unmetaphorischen Sinn abgewinnen.
Neben Klofts Kompilationen konnte die 26teilige BBC-Reihe
People's Century besichtigt werden, eine aufwendige Produktion,
die in Bildern, Dokumenten und Zeitzeugenberichten nicht
nur an die großen Ereignisse, sondern auch an den Alltag
des 20. Jahrhunderts erinnert. Unter dem Motto "Die
Gegenwart der Vergangenheit" resümmierten in der
ersten Woche Live-Gespräche mit Henryk M.
Broder, Joachim Fest, Joschka Fischer und Wolfgang Schäuble
die großen Debatten der letzten Jahrzehnte: den Historikerstreit,
die Diskussion um die Wehrmachtausstellung, das Holocaust-Denkmal
und schließlich die Verhandlungen um die Zwangsarbeiterentschädigung.
Gemeinsam mit Sandra Maischbergers beeindruckendem Spiegel
TV Interview von 1993 mit Yona Lux und Otto Klein, die
in Auschwitz den Experimenten des KZ-Arztes Mengele ausgeliefert
waren, entstand so ein komplexes Geschichtsbild, ein dichter
Informationsfluß, der auch nicht durch fiktionale Einspielungen
ins Stocken geriet, wenn etwa ein Film wie Régis Wargniers
Indochine die Zeit des französischen Kolonialismus thematisierte
oder Edgar Reitz` Die Stunde Null das Kriegsende aus dem
Erleben eines Hitlerjungen beschrieb. Im Gegenteil, innerhalb
weniger Tage wurde deutlich, daß das Medium Fernsehen
über weit mehr Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung
verfügt, als die in Aufbau und Design immer gleichen Geschichtsreihen
der öffentlich-rechtlichen Programme suggerieren. Komplexe
geschichtliche Themen lassen sich eben nur um den Preis
der Verkürzung in homogene, d.h. schematisierte Formen
übersetzen. Über eine Woche ein Thema in den Variationen
verschiedener Formate zu verfolgen, produziert dagegen
ein Maß an Selbstreflexivität, an Perspektivenvielfalt
(oder mit Kluge: an "Unterscheidungsvermögen"),
das Zuschauer, die das Bedürfnis haben, ernst genommen
zu werden, kaum als Zumutung empfinden dürften. Diese
Zuschauer ins Zentrum der eigenen Zielgruppe gestellt
zu haben, ist allein schon ein Verdienst. Auch wenn die
Tagesprogrammierung im kleineren Maßstab einlöst, was
die Themenwochen zum Programmstart versprochen haben,
wäre zu wünschen, daß das Profil des Senders offen genug
bleibt, um der Themenwoche als wirklich innovativer Form
von Zeit zu Zeit einen Platz einzuräumen.
Anmerkungen:
1. Oskar Negt/Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung,
Frankfurt/M. 1972, S. 181.
2. Facts & Fakes ist auch der Titel einer Heftreihe,
in der die Fernsehgespräche Alexander Kluges veröffentlicht
werden. Vgl. Alexander Kluge, Facts & Fakes. Fernseh-Nachschriften,
Hg. Christian Schulte, Reinald Gußmann, H. 1: "Verbrechen",
Berlin 2000; H. 2/3: "Herzblut trifft Kunstblut/Erster
imaginärer Opernführer", Berlin 2001.
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